- Für Lutz -
DIE POLIZEISCHÜLERIN
Immer war es schon Livs Traum, einmal eine richtige Polizistin zu sein. Doch ihre Eltern glaubten nicht an sie. Sie sagten: „Du wirst es nie schaffen, eine Polizistin zu werden, du bist viel zu zierlich und klein“.
[Fortsetzung ab hier]
Doch Liv liess sich nicht reinreden. An ihrem 18. Geburtstag bewarb sie sich an der Polizeischule. Ein halbes Jahr später war es so weit. Liv packte ihre Sachen zusammen und setzte sich in den Zug, denn die Polizeischule war einige Kilometer entfernt von ihrer Heimat, nämlich in der Grossstadt New York City.
Die Zugfahrt verging viel zu schnell. Sie stieg in ein Taxi, welches vor dem Bahnhof stand und erklärte: «Bitte zur Polizeiakademie am Ostrand der Stadt». «Uh, eine angehende Polizistin», der Taxifahrer liess den Motor aufheulen und Liv schaute aus dem Fenster.
An ihr vorbei zog das bunte und fröhliche New York. Sie konnte nicht glauben, dass sie wirklich hier war.
Wenige Tage später war der erste Schultag. Ihr Lehrer hiess Mr. Thompson. Der Tag war anstrengend.
In ihrer Mietwohnung angekommen, liess sie sich aufs Sofa neben ihre Mitbewohnerin Aylin fallen. Die Wohnung befand sich in einem riesigen Mehrfamilienhaus.
Der Fernseher war an. Die Moderatorin redete von einem Autoaufbruch letzte Nacht. «Vielleicht löst du den Fall ja», Aylin grinste Liv schelmisch an. Liv winkte ab. «Ich glaube, Mr. Thompson kann mich nicht leiden. Er meinte mehrfach zu mir, dass ich noch sehr viel Arbeit und Training bräuchte, und dass es auf den Strassen New Yorks eigentlich viel zu gefährlich sei für Mädchen wie mich. Naja, ich mach uns mal Abendessen», murmelte Liv und ging in die Küche.
Es war ein paar Wochen später. Mitten in der Nacht wurde Liv wach. Es hatte gepoltert. Liv lauschte. Die Tür quietschte. «Aylin?», fragte sie halblaut.
Keine Antwort.
Liv setzte sich auf und knipste ihre Nachttischlampe an. Mit der Hand tastete sie nach ihrer Brille. Wieder rief sie: «Aylin!».
Keine Antwort.
Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und tapste in die Küche. Die Wohnungstür stand offen. Liv trat nach draussen und rief ein drittes Mal: «Aylin!».
Eine Sirene heulte los.
Erschrocken rannte Liv dem Geräusch der Sirene nach. Ihre scharfen Ohren führten sie auf den Parkplatz. Die Sirene kam ganz klar von einem der einzigen Autos, die auf dem Parkplatz standen. Die Scheibe war eingeschlagen und ein Reifen war platt. Sie ging zu dem Auto und untersuchte die eingeschlagene Scheibe. «Au», sie schnitt sich den Finger an dem gebrochenen Glas.
Ein anderer Bewohner kam aus dem Haus gestürzt. Von der anderen Seite kam ein Polizeiwagen. Er hielt auf dem Parkplatz und Mr. Thompson stieg aus. «Liv, was machst du hier?», rief er. «Ich bin aufgewacht, weil», Liv wurde unterbrochen. «Interessiert mich eigentlich gar nicht», Mr. Thompson winkte ab und wandte sich dem aufgebrochenen Auto zu. Liv liess den Kopf hängen und ging zurück in ihre Wohnung.
Am nächsten Morgen wurde sie von einem wilden Klopfen an der Haustür geweckt. Sie schälte sich aus dem Bett und trottete zur Haustür. Sie erschrak. Vor der Tür stand Mr. Thompson. «Kannst du mir erklären, warum deine DNA an dem Auto war?», rief er.
Aus der Wohnung rief Aylin: «Liv wer ist das, es ist halb fünf!». «Jetzt nicht», rief Liv und wandte sich ihrem Lehrer zu. «Ich habe mich am Fensterglas geschnitten.» «Und warum warst du an dem Auto?», fragte Mr. Thompson weiter. «Ich habe die Sirene gehört, bin zu dem Auto gegangen und hab nach Spuren gesucht», erklärte Liv verwirrt. «Ach und woher weiss ich, dass du nichts mit dem Aufbruch zu tun hast?», rief Mr. Thompson noch lauter. «Erstens, schreien sie hier bitte nicht so rum, zweitens, sie haben keinerlei Beweise», führte Liv gelassen aus. «Die besorge ich mir, versprochen», Mr. Thompson knallte die Tür zu.
Liv drehte sich um. Hinter ihr stand Aylin. «Wo warst du eigentlich letzte Nacht?», fragte Liv. «Ähm, mein Freund war feiern und, äh, er wollte, dass ich ihn abhole. Er war in der Bar, gleich hier in der Nähe, die kennst du doch», Aylin zuckte mit den Schultern. «Okay, du kannst wieder schlafen gehen, ich geh schon mal zur Akademie, um zu lernen, wenn noch niemand da ist», in Wirklichkeit wollte Liv einfach nur Undercover ermitteln.
Im Hintergrund schnarchte Aylin und Liv packte ihre Sachen zusammen. „Fingerabdruckset, Abformmasse, Mini-Taschenlampe, kleine Plastiksäckchen, Eding zum Beschriften und Handy. Perfekt!“, Sie schulterte ihren Rucksack und verliess das Haus.
Der Regen prasselte auf den aufgewärmten Asphalt. Dort wo das Auto gestanden hatte, war am Boden eine Neon-pinke Markierung eingezeichnet.
Liv hockte sich hin und leuchtete mit der Taschenlampe den Boden ab. Nach einiger Zeit fand sie am Boden einen Ohrring. Sie hob ihn auf. „Ein goldener Ohrring in Form einer Blume. Hat Aylin nicht solche Ohrringe?“, Liv packte den Ohrring in ein Säckchen.
Ein weiterer Fund war ein durchnässter Papierfetzen. Man erkannte nur das Logo einer Bar in der Nähe. „Vielleicht sollte ich nachfragen, ob Aylin dort gestern wirklich war“, Liv setzte sich in den Bus, der vor ihrem Haus hielt.
Ausser ihr und dem Busfahrer war der Bus leer. Der Busfahrer gähnte. „Fahren sie auch in der Nacht?“, Liv witterte ihre Chance. „Ja, in einer halben Stunde ist mein Feierabend“, nuschelte der Busfahrer. Er war gross, schlank und hatte eine blonde Wuschelfrisur. Er war ungefähr in Livs Alter. „Haben sie letzte Nacht, so ungefähr um halb drei, ein Mädchen in den Club hier in der Nähe gefahren? Sie ist ungefähr so alt wie ich, hat schwarze Locken und trägt eine goldene Kette mit einem Kreuz-Anhänger“, Liv beschrieb Aylin. Sie wollte ihr angebliches Alibi überprüfen.
„Ja, an die kann ich mich erinnern, aber das war schon so um 12. Ca. eineinhalb Stunden später habe ich sie und ihren Freund auch wieder zurückgefahren. Warum fragst du?“ In Livs Kopf ratterte es. Sie brauchte eine Ausrede, und zwar schnell. „Ach, nicht so wichtig“, antwortete sie. „Ach, ich muss aussteigen“, sie sprang vom Sitz auf. „Schade, aber wir sehen uns sicher wieder, ich bin Lukas“, der Busfahrer warf Liv eine Kusshand zu. Sie verdrehte spielerisch die Augen und stieg aus. Insgeheim fand sie es auch schade, denn sie hatte Lukas‘ tiefer Stimme sehr gerne zugehört.
Der Club war quasi leer. Nur der Barkeeper war zu sehen. „Hey kleine, was willst du hier? Wir schliessen gleich“, rief er Liv zu. „Ich hatte nur ein paar Fragen. Erstens: Kennen sie eine Aylin und ihren Freund?“, Fragte Liv. „Aaah, ja, klar, Aylin und Marco! Er war da und sie hat ihn abgeholt. Marco war total betrunken, er musste definitiv schnell nach Hause!“, der Barkeeper lachte. „Wenn es Aylins Freund schlecht ging, hätte sie niemals so eine Aktion durchgezogen, sie ist so fürsorglich“, murmelte Liv leise. „Was hast du gesagt?“, fragte der Barkeeper. „Nichts, alles gut, danke“, Liv verabschiedete sich und ging nach Hause.
Liv machte das Radio an. Ihr Magen knurrte. Sie holte eine Scheibe Toast aus dem Küchenschrank. Während der Toast im Toaster war, bückte Liv sich, um die Schokocreme aus einer Schublade zu holen. „Moment, warum ist der Boden der Schublade so tief?“, in dieser Sekunde erzählte der Radiosprecher von dem Autoaufbruch. Eine rote Designerhandtasche sei gestohlen worden. Liv bemerkte eine winzige Stofflasche am Schubladenboden. „Ein doppelter Boden!“, mit zittrigen Fingern entfernte Liv den doppelten Boden. Vor ihr lag die rote Designerhandtasche. Der Radiosprecher schilderte einzelne Details der Tasche. Alles passte.
Schnell nahm Liv Fingerabdrücke von der Tasche. Sie stimmten mit Aylins überein. Sofort informierte sie Mr. Thompson.
Die nächsten Tage fühlten sich für Liv an, wie ein Film. Aylin wurde festgenommen. Sie und ihr Freund waren für etliche Autoaufbrüche in der Stadt verantwortlich. Ihr netter Busfahrer stellte sich als Besitzer des Autos heraus. Sie trafen sich von nun an öfters und kamen schliesslich zusammen. Als Liv wieder in die Polizeischule kam, wurde sie von Mr. Thompson in den Himmel gelobt, und sie wurde Klassenbeste.
Eineinhalb Jahre später hatte sie ihre Ausbildung zur Ermittlerin abgeschlossen. Mittlerweile wohnte sie mit Lukas zusammen und sie waren Partner. Zusammen wurden sie in ganz New York als Polizisten bekannt
Belina von Laer | Dezember 2025